Rohes Fleisch macht Hunde aggressiv?
Die Behauptung, rohes Fleisch mache Hunde aggressiv oder verstärke ihren Jagdtrieb, hält sich erstaunlich hartnäckig.
Dahinter steckt häufig die Vorstellung, ein Hund würde durch den Geschmack oder Geruch von rohem Fleisch gewissermaßen „auf den Geschmack kommen“ und dadurch aggressiver werden oder stärker jagen.
Für die Behauptung, dass gerade die Fütterung von rohem Fleisch einen Hund aggressiv macht oder seinen Jagdtrieb verstärkt, gibt es keine belastbaren Belege.
Rohes Fleisch löst nicht automatisch Aggression aus
Aggressives Verhalten bei Hunden kann sehr unterschiedliche Ursachen haben.
Genetische Veranlagung, Erfahrungen und Lernverhalten, Haltung, Stress, Angst, Schmerzen, Erkrankungen und viele weitere Faktoren können das Verhalten eines Hundes beeinflussen.
Die Tatsache, dass ein Hund rohes Fleisch frisst, macht aus einem friedlichen Hund jedoch keinen aggressiven Hund.
Ebenso wenig gibt es einen nachvollziehbaren Grund dafür, warum ein Hund durch Fleisch im Futternapf plötzlich Menschen oder andere Tiere als Beute betrachten sollte.
Und was ist mit dem Jagdtrieb?
Auch der Jagdtrieb entsteht nicht dadurch, dass ein Hund rohes Fleisch zu fressen bekommt.
Wie ausgeprägt Jagdverhalten ist, hängt unter anderem von genetischer Veranlagung, Rasse, individuellen Erfahrungen und Lernverhalten ab.
Ein Jagdhund verliert seinen Jagdtrieb schließlich auch nicht dadurch, dass er Trockenfutter bekommt – und ein Hund ohne ausgeprägtes Jagdverhalten entwickelt dieses nicht automatisch, weil plötzlich rohes Fleisch in seinem Napf liegt.
Die Fütterungsform allein entscheidet also nicht darüber, ob ein Hund jagt.
Kann Ernährung das Verhalten trotzdem beeinflussen?
Ja – und genau hier wird das Thema interessanter.
Die Aussage „Rohes Fleisch macht aggressiv“ ist zwar viel zu einfach, trotzdem können Ernährung und Nährstoffversorgung durchaus Einfluss auf verschiedene Vorgänge im Körper und damit möglicherweise auch auf das Verhalten nehmen.
Untersucht wurde beispielsweise der Zusammenhang zwischen Proteingehalt, der Aminosäure Tryptophan und bestimmten Formen aggressiven Verhaltens bei Hunden. In wissenschaftlichen Untersuchungen wurden dabei unter anderem unterschiedliche Protein- und Tryptophangehalte der Nahrung betrachtet.
Die Ergebnisse bedeuten allerdings nicht, dass Fleisch aggressiv macht oder dass weniger Protein grundsätzlich einen ruhigeren Hund ergibt.
Das Zusammenspiel ist wesentlich komplexer.
Tryptophan und Serotonin
Tryptophan ist eine essenzielle Aminosäure und unter anderem eine Vorstufe des Botenstoffs Serotonin.
Serotonin ist an verschiedenen Vorgängen im Nervensystem beteiligt und spielt unter anderem bei Stimmung und Verhalten eine Rolle.
Dabei ist allerdings nicht nur entscheidend, wie viel Tryptophan ein Futter enthält. Auch andere Aminosäuren, die gesamte Zusammensetzung der Nahrung und verschiedene Stoffwechselvorgänge beeinflussen, wie viel Tryptophan letztlich für die Serotoninbildung zur Verfügung steht.
Aus diesem komplexen Zusammenspiel lässt sich deshalb keine einfache Regel wie „mehr Fleisch = mehr Aggression“ ableiten.
Die gesamte Ration ist entscheidend
Wie schon beim Thema Eiweiß gilt auch hier: Es ist wenig sinnvoll, einen einzelnen Bestandteil der Ernährung isoliert zu betrachten.
Eine bedarfsgerechte Ration berücksichtigt nicht nur die Proteinmenge, sondern auch Proteinqualität, Energieversorgung, Fett, weitere Nährstoffe und die individuellen Bedürfnisse des Hundes.
Deshalb würde ich auch nicht den umgekehrten Mythos aufstellen und behaupten, eine fleischbasierte Ernährung mache einen Hund automatisch ruhiger oder könne Aggressionsprobleme lösen.
Ernährung kann ein Baustein sein – Verhalten ist aber wesentlich komplexer.
Auch körperliches Wohlbefinden kann Verhalten beeinflussen
Ein weiterer Zusammenhang zwischen Ernährung und Verhalten ist wesentlich einfacher nachvollziehbar: Ein Hund, dem es körperlich nicht gut geht, kann sich anders verhalten.
Schmerzen und Erkrankungen können beispielsweise mit Veränderungen des Verhaltens einhergehen. Leidet ein Hund beispielsweise unter anhaltenden Verdauungsbeschwerden oder verträgt bestimmte Futtermittel nicht, kann sich das auf sein allgemeines Wohlbefinden auswirken.
Eine individuell passende Ernährung kann deshalb auch unter diesem Gesichtspunkt sinnvoll sein. Sie ersetzt bei plötzlich auftretenden oder deutlichen Verhaltensveränderungen jedoch keine tierärztliche Abklärung und gegebenenfalls professionelle Verhaltensberatung.
Macht es einen Unterschied, ob das Fleisch roh oder gekocht ist?
Für die Behauptung, gerade rohes Fleisch würde Aggression oder Jagdtrieb auslösen, gibt es keine belastbaren Belege.
Auch bei einer selbst gekochten Ration oder einer Ration auf Basis von Reinfleischdosen bleibt Fleisch ein wesentlicher Bestandteil der Fütterung.
Ob Fleisch roh, gekocht oder bereits in einer Reinfleischdose erhitzt verfüttert wird, macht einen Hund nicht allein deshalb aggressiv oder zum stärkeren Jäger.
Entscheidend ist vielmehr, dass die gesamte Ration zum Hund passt und bedarfsgerecht zusammengestellt wird.
Fazit
Rohes Fleisch macht Hunde nicht automatisch aggressiv und verstärkt auch nicht einfach ihren Jagdtrieb.
Aggression und Jagdverhalten entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel zahlreicher Faktoren. Die Ernährung kann bestimmte Stoffwechselprozesse und das körperliche Wohlbefinden beeinflussen, lässt sich aber nicht auf die einfache Gleichung „Fleisch macht aggressiv“ reduzieren.
Ebenso wenig sollte eine bestimmte Fütterungsform als Behandlung für Aggressionsprobleme verstanden werden.
Ob BARF, selbst gekochte Ration oder Reinfleischdose: Fleisch im Napf macht aus einem Hund keinen aggressiven Hund. Entscheidend sind der individuelle Hund, seine Gesundheit, seine Umwelt – und eine zu ihm passende Ernährung.
Weiterführende Literatur:
DeNapoli, J. S. et al. (2000): Effect of dietary protein content and tryptophan supplementation on dominance aggression, territorial aggression, and hyperactivity in dogs. Journal of the American Veterinary Medical Association.
© Franken-BARF
